"Das Anthropozän braucht eine neue Ordnung des Wissens"

14.03.2019

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat gemeinsam mit dem Erdwissenschaftler Michael Wagreich ein Forschungsnetzwerk zum Anthropozän an der Universität Wien ins Leben gerufen. In einem Gastbeitrag beschreibt die Universitätsprofessorin ihre Motivation.

Gastbeitrag von Univ.-Prof. Dr. Eva Horn, Universität Wien

"Warum beschäftigen Sie sich als Kulturwissenschaftlerin mit Umweltproblemen?" werde ich oft gefragt. Vor zwei Monaten habe ich zusammen mit meinem Kollegen Michael Wagreich aus den Erdwissenschaften das Vienna Anthropocene Network ins Leben gerufen. Warum sollten Germanistinnen sich mit Stratigraphen, Sinologinnenen mit Biologinnen, Geographen mit Anthropologen über das Anthropozän unterhalten?

Wir glauben, dass die massive Veränderung des Planeten Erde auch eine Herausforderung an die Ordnung der wissenschaftlichen Fächer ist. Die Grenzen zwischen den "Humanities" – den Sozial- und Geisteswissenschaften – und den Naturwissenschaften geraten ins Wanken – und das ist gut und notwendig. Die Konferenz "The Anthropocene - Challenging the Disciplines" am 8. April will dem nachgehen.

Der Mensch ist eine Naturgewalt

Am Anfang, als Paul Crutzen den Begriff der neuen geologischen Zeitepoche des Anthropozäns als Kürzel für die ökologische Krise des Planeten in die Debatte warf, schien es, als gehörte er allein den Naturwissenschaften. Umweltthemen waren traditionell deren Bereich: Klimaforscher untersuchen die globale Erwärmung, Geologen die Frage nach dem besten stratigraphischen Marker für das Anthropozän als Erdepoche, Ozeanologen die veränderte Chemie der Meere, Biologen den Verlust der Artenvielfalt und so weiter. Überraschend war, dass der sperrige Begriff "Anthropozän" plötzlich auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften, ja sogar in Kunst- und Kulturbetrieb intensiv aufgegriffen wurde.

Das hat nicht einfach nur etwas mit einer neuen "Betroffenheit" zu tun angesichts von Umweltproblemen, die mittlerweile nicht mehr nur lokale, sondern globale Dimensionen erreicht haben. Vom Anthropozän als einer neuen Epoche der Erd-, aber auch der Menschengeschichte zu sprechen, bedeutet, grundlegende Kategorien des menschlichen Selbstverständnisses, aber auch seines Weltverhältnisses neu zu fassen. Der Begriff bringt die Einsicht auf den Punkt, dass der Mensch die gesamte Natur tiefgreifend verändert und damit selbst wie eine Naturgewalt operiert, zwar im Bewusstsein dieser Wirksamkeit, aber ohne Kontrolle über sie.

Damit wird es nötig, grundlegende Kategorien unseres Denkens neu zu fassen, wie "Natur", "Kultur", "Mensch", "Politik", oder auch "Geschichte". Was ist der Mensch, wenn er wissend, aber ohne Absicht seine eigenen Lebensgrundlagen und die vieler anderen Spezies unterminiert? Wie schreibt man eine Geschichte dieses Wesens? Muss eine Geschichte des Menschen nicht als Umwelt- oder auch Energiegeschichte völlig neu geschrieben werden? Und wie kann man "Natur" fassen, wenn man sie nicht mehr als Wildnis, als den Gegensatz zur menschlichen "Kultur" verstehen kann? Was, wenn Natur neuerdings unmittelbar zum Politikum wird, wie etwa im Streit um die Wirklichkeit des Klimawandels? Muss man nicht das Soziale neuerdings so definieren, dass es auch nicht-menschliche Entitäten umfasst: etwa Landschaften, das Klima, bestimmte Arten, Biotope? Und umfassen andererseits die Naturwissenschaften nicht plötzlich auch Menschgemachtes?

Blinde Flecken der Disziplinen ausleuchten

Angesichts dieser Fragen kann es nicht mehr darum gehen, einen "interdisziplinären Dialog" zu führen, wie er immer wieder gern gefordert, selten aber wirklich umgesetzt wird. Es wird darum gehen müssen, nicht nur Wissen, sondern auch Fragen aus einem Fach ins andere zu transportieren.

Nicht zuletzt heißt es, auch die traditionellen blinden Flecken der Disziplinen auszuleuchten: Die Naturwissenschaftler müssen politischer werden, den Humanwissenschaften würde etwas Input an Empirie nicht schaden. Nachzudenken wäre über die zeitlichen und räumlichen Größenordnungen, die die Fächer dominieren: ein paar Jahrzehnte in der historischen Forschung, Zehn- oder Hundertausende in der Geologie.

Das ist die Herausforderung, die das Anthropozän der gesamten Wissenschaft stellt: Eine traditionelle Wissenschaftslandschaft neu zu überdenken, die die aktuelle ökologische Krise nicht nur erforscht, sondern ja auch mit hervorgebracht hat.

Vienna Anthropocene Network startet

Diese Form von gemeinsamer und gegenseitiger Befragung ist eine der Aufgaben des Vienna Anthropocene Network. Es geht dabei nicht darum, eine möglichst eng gefasste Frage von verschiedenen Disziplinen her anzugehen, sondern im Dialog über die Fächergrenzen hinaus ganz neue Fragen und Blickrichtungen zu begreifen und zu entwickeln.

Eine erste Veranstaltung des Netzwerks am 8. April in der Sky Lounge der Universität Wien dreht sich genau um diese Herausforderung. Es wird eine Diskussion zwischen prominenten Wissenschaftlern aus der Anthropocene Working Group, aber auch Historikern, Biologen, Wissenschaftsforschern, Sozialwissenschaftlern, Juristen und anderen. Unsere Ausgangshypothese ist ziemlich radikal: Im Anthropozän brauchen wir nicht nur Lösungsvorschläge aus den einzelnen Fächern, wir brauchen eine völlig neue Ordnung des Wissens. Wie könnte die aussehen?


Univ.-Prof. Dr. Eva Horn ist Universitätsprofessorin für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Wien. Sie leitet, gemeinsam mit a.o. Univ.-Prof. Dr. Michael Wagreich (stellvertretender Leiter), das neu gegründete Vienna Anthropocene Network der Universität Wien und ist Beiratsmitglied des Environmental Sciences Research Network/ Forschungsverbund Umwelt der Universität Wien.


Professorin Eva Horn untersucht das Anthropozän als wichtigen Marker für ein neues Verhältnis von Mensch und Natur (Copyright: Mathias Swoboda).
Menschen verändern ihre Umwelt so stark, dass Wissenschaftler darüber diskutieren, ob bereits von einer neuen Zeitrechnung gesprochen werden kann (Quelle: uni:view/ Universität Wien).
Die erste Veranstaltung des neuen Anthropozän-Netzwerkes (anthropocene.univie.ac.at) wird sich mit dem Umdenken akademischer Disziplinen im Hinblick auf das Anthropozän befassen.