Der Mensch als neue geologische Großmacht

14.05.2018

Rechtfertigt der Einfluss des Menschen auf unseren Planeten die Ausrufung eines neuen Zeitalters? Welche Maßnahmen helfen mit, gutes Leben im Anthropozän zu ermöglichen? Und gibt es Hoffnung, aktuelle Probleme durch technologische Lösungen zu bewältigen? Diese Fragen diskutierte ein hochkarätiges Podium bei unserem "Umwelt im Gespräch" zum Thema Anthropozän. Über 200 Interessierte waren der Einladung zur Veranstaltung des Forschungsverbundes Umwelt ins Naturhistorische Museum Wien gefolgt.

Der Mensch hat das System Erde tiefgreifend beeinflusst und verändert. In den Geowissenschaften wird daher diskutiert, ob angesichts dessen nicht ein neues Zeitalter ausgerufen werden sollte: das Anthropozän als Zeitalter der Menschen und als Nachfolger des derzeitigen Erdzeitalters, des Holozäns. Aus der Sicht von Michael Wagreich, Geologe an der Universität Wien, spricht viel dafür. Warum, erklärte er in seinem Impulsvortrag bei der Veranstaltung:

So werden bis zu 50 Prozent der Landoberfläche und mehr als 50 Prozent der Süßwasserreserven durch den Menschen genutzt. Der Mensch bewegt mehr Material als alle Flüsse zusammengenommen. Vom Menschen erfundene Materialien wie Aluminium, Beton, Plastik oder Flugasche lagern sich im Sediment ab. Allein die jährlich erzeugte Plastikmenge entspreche etwa der gesamten menschlichen Biomasse, so der Wissenschafter, der im Rahmen einer internationalen Arbeitsgruppe diskutiert, was für die Einführung des Anthropozäns als neues geologisches Zeitalter spricht und wann dessen Beginn festgesetzt werden könnte.

„Anthropozän ist geologische Realität“

Auch radioaktive Stoffe und fossile Brennstoffe, die Zunahme der Treibhausgase sowie die starken Veränderungen der Biosphäre – von der Viehzucht über das Artensterben bis hin zur Genmanipulation – zeigen, dass der Mensch die Prozesse des Erdsystems stark beeinflusst, und zwar langfristig und unumkehrbar: „Der Mensch ist eine geologische Großmacht, die Veränderungen sind in den geologischen Ablagerungen noch in zehntausenden Jahren sichtbar – das Anthropozän ist somit geologische Realität“, argumentierte Wagreich. Das System Erde sei über den ausgeglichenen Zustand des Holozäns, in dem wir uns seit der letzten Kaltzeit befinden, hinausgeraten.

Auch wenn sich die Natur, wie wir sie kennen, stark verändert hat und weiter verändern werde, gehe es jedoch nicht um ein Ende der Natur. Die Germanistin Eva Horn, die als Beiratsmitglied des Forschungsverbundes Umwelt das Thema der Veranstaltung initiiert und federführend mitgestaltet hat, versteht den Begriff des Anthropozäns als Ausdruck für ein völlig neues Verhältnis von Mensch und Umwelt.

Die Professorin für neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaften arbeitet derzeit an einer umfassenden Einführung in den Begriff „Anthropozän“: „Wir haben uns Natur lange als ‚unberührte Wildnis‘ und als Gegenteil von Kultur vorgestellt. Heute müssen wir Natur als planetarisches System verstehen, das überall die Spuren des Menschen trägt, dessen komplizierte Regulationsmechanismen wir aber weder wirklich begreifen noch kontrollieren können. Im Anthropozän zu leben bedeutet, in einer beschädigten Welt zu leben. Dafür brauchen wir nicht nur neue politische Formen, sondern auch neue Begriffe,“ so Eva Horn.  

Kapitalozän und Plantagozän

Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Universität für Bodenkultur Wien stellte in Frage, ob der Begriff Anthropozän nicht irreführend sei: „Sollen wir den Menschen – Anthropos – in den Mittelpunkt stellen? Würden nicht vielmehr Begriffe wie ,Kapitalozän‘ oder ,Plantagozän‘ stärker auf Triebfedern der Veränderung wie den Kapitalismus oder das Plantagensystem hinweisen?“  Auf historische und aktuelle globale Ungleichheiten wurde auch von ZuhörerInnen in der anschließenden Diskussion verwiesen: Die Themen Klima und globale Gerechtigkeit sowie Frieden seien stark miteinander verzahnt.

Der Begriff „Anthropozän“ sei, meinte der deutsche Wissenschaftsautor und Journalist Christian Schwägerl, in einer Periode des globalen Aufbruchs populär geworden, als sich immer mehr Länder – schließlich auch China und die USA – zu einer Reduktion ihrer CO2-Emissionen verpflichtet hätten. „Diesbezüglich erleben wir jedoch gerade weltweit eine Rolle rückwärts“, so Schwägerl, der sich bereits in seinem Buch „Menschenzeit“ aus dem Jahr 2010 mit dem Anthropozän auseinandersetzte: „Das Anthropozän steht für ein globales und langfristiges Denken – und das hat gerade eine Krise.“

Weg vom Angstdiskurs

Auch wenn somit die Aussichten wenig ermutigend erscheinen, sei es gerade bei jungen Menschen wichtig, das Thema nicht nur mit Angst zu verbinden. „Wir sollten weg vom Angstdiskurs und das Anthropozän nicht als Summe aller Umweltprobleme, sondern als etwas zu Gestaltendes wahrnehmen“, so der Wissenschaftsjournalist. Wichtig sei es, die positive Bindung aller Altersklassen zur Natur und zu ihrer Umwelt zu fördern: „Wir sollten aus den Diagnosen keine Menschenfeindlichkeit entwickeln – besser wäre eine Umweltfreundlichkeit.“ Zudem solle man die „Technosphäre nicht nur als Problem, sondern vielleicht auch als Teil der Lösung sehen“.

Technologie als Teil der Lösung?

Technologisch sei sicherlich vieles machbar, aber: „Nur über Technologie alleine kann die globale Krise sicher nicht gelöst werden“, sagte der Sedimentologe Michael Wagreich. Egal ob Technologie und Wissenschaft, gesetzliche Regulierung, Politik, Wirtschaft oder Medien: Der „eine“ Hebel für die Veränderung sei ohnehin nicht auszumachen, war sich das Podium einig, man müsse auf allen Ebenen ansetzen.

Insbesondere sei auch die Zivilgesellschaft gefordert: „Wissenschaft und Gesellschaft müssen sich auf den Weg machen, um clevere Fragen zu stellen“, betonte Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. „Dazu brauchen wir eine BürgerInnenbewegung: Wir müssen danach fragen, in welcher Weise wir uns organisieren.“ Eine interessante Formation seien dabei Städte; dies eröffne auch angesichts der weltweit starken Urbanisierung neue Möglichkeiten. Doch auch Citizen Science – die Einbindung von BürgerInnen in Forschung – sowie Bildung seien wichtige Bausteine, wurde in der Diskussion betont.

Das Ohr in der Gesellschaft

Eine zentrale Rolle spielen auch die Medien, so RiffReporter-Mitgründer Christian Schwägerl: „Der Journalismus hat das Ohr in der Gesellschaft zu halten. Er darf nicht nur die lautesten Experten bringen, sondern muss auch nach den leisen und nachdenklichen suchen.“ Nicht nur Krisen, sondern auch Lösungen müssten kommuniziert werden: „Und wir müssen dranbleiben.“ (hw)

  • Umwelt im Gespräch - eine Veranstaltungsserie des Forschungsverbundes Umwelt in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien: Die Podiumsdiskussion "Das Ende der Natur? Leben im Anthropozän" am 17. April 2018 war die dritte im Rahmen der Veranstaltungsserie. Mit der Veranstaltungsserie greift der Forschungsverbund Umwelt in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien aktuelle Herausforderungen im Umgang mit unserer Umwelt auf und stellt wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für das gesellschaftliche Handeln bereit. Weitere Informationen: umwelt.univie.ac.at

Mehr zu den Podiumsgästen der Veranstaltung:

Eva Horn

Michael Wagreich - Internationale Anthropozän-Arbeitsgruppe

Christian Schwägerl

Verena Winiwarter

Blick auf Podium
Das 3. Umwelt im Gespräch fand wieder in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien in der Oberen Kuppelhalle des Museums statt. (Copyright: FV Umwelt)
Blick über Saal mit Gästen
Rund 230 Interessierte waren der Einladung gefolgt. (Copyright: FV Umwelt)
Gäste am Podium
V.l.n.r.: Podiumsgäste Michael Wagreich, Eva Horn, Verena Winiwarter, Christian Schwägerl sowie Moderatorin Marlene Nowotny von Ö1 (Copyright: FV Umwelt)