Die Vermessung des Wiener Anthropozäns

12.02.2018

Wo Menschen leben, verändern sie den Untergrund unter ihren Füßen. Seit der Besiedlung Wiens durch die Römer hat sich eine anthropogen überformte Schicht unter der Stadt aufgebaut, die sich immer weiter in Raum und Tiefe ausbreitet. Unter Leitung des Sedimentologen Michael Wagreich wollen ForscherInnen der Universität Wien die menschengemachte Schuttdecke Wiens kartieren und quantifizieren – und damit auch einen Beitrag zur aktuellen Debatte um ein neues Erdzeitalter leisten.

Schon vor 150 Jahren hat der Geologe Eduard Suess erkannt, dass der Untergrund Wiens ein bemerkenswerter Ausdruck vom menschlichen Einfluss auf die Natur ist. Der Gründer der Wiener geologischen Schule und Planer der ersten Wiener Hochquellwasserleitung prägte den Begriff „Schuttdecke“ für jene geologische Schicht, die vom Menschen massiv verändert wurde. Bewirtschaftung, Bautätigkeiten, die Herstellung von Gütern, aber auch Abfälle hinterlassen Spuren und vermischen sich mit den ursprünglich natürlichen Sedimenten. „Für Archäologen sind die einzelnen Artefakte wie Scherben oder einzelne Ziegel interessant, aber die Geologie interessiert sich für die Klassifizierung und Quantifizierung der anthropogenen Ablagerungen – wir schauen uns das gesamte Sediment an und versuchen, hier Unterteilungen zu charakterisieren“, sagt Michael Wagreich vom Department für Geodynamik und Sedimentologie der Universität Wien.

Der Geologe will zeigen, wie sich die vom Menschen verursachten Ablagerungen unter der Stadt Wien über die Jahrhunderte ausgedehnt haben. Wagreich spricht von der „anthropozänen Welle“ – eine von ihm kreierte Metapher: „Wir haben bereits gesehen, dass sich die anthropogenen Ablagerungen des Menschen unter Städten wie Wien enorm schnell ausbreiten und anwachsen – schnell im Vergleich zu den gängigen geologischen Zeiträumen, die in der Regel nicht unter tausenden bis zehntausenden Jahren ansetzen. Insofern kann man sich diesen Prozess als eine rasante, immer höher werdende, schwallartige Welle vorstellen.“ Das Projekt, eine interdisziplinäre Initiative der Universität Wien und der Universität für Angewandte Kunst, wird vom WWTF Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds gefördert und gemeinsam mit GeographInnen und ArchäologInnen umgesetzt.

Urspung der anthropogenen Welle

Die „anthropozäne Welle“ nahm mit den ersten steinzeitlichen Funden ihren Ausgang und beschleunigte sich von den römischen Besiedlungen an. Seither hat sie sich vom Zentrum Wiens aus in alle Richtungen vorgearbeitet. Davon zeugen zum Beispiel die Bleigehalte im Wiener Untergrund: Schon die Römer verwendeten Blei als gut formbares Material zum Abdichten der Wasserleitungen. Viel später ist es als Benzinzusatzstoff in den Untergrund gelangt - und ist damit ein guter Anzeiger für die industrielle Revolution und die fortschreitende Motorisierung.

Die ForscherInnen werden die anthropogenen Ablagerungen Wiens auf ihren Inhalt und Schwermetallanteile wie Blei und Kupfer untersuchen, um die anthropogene Schuttdecke zu klassifizieren. Für ihre Messungen tauchen sie auch ins Unterreich der Stadt ab; sie nutzen etwa gemeinsam mit Archäologen neue Grabungen im Zuge des U-Bahnausbaus U5. Neben biochemischen Messungen direkt an den Aufschlüssen vor Ort bezieht man aber auch vorhandene Datenbanken ein, etwa die Bohrkerndatenbank des Wiener Brückenbaus und Grundbaus und Daten der Wiener Stadtarchäologie. Zudem stützt man sich auf die Auswertung historischer geologischer Daten.

Das Projektteam will die anthropogenen Ablagerungen Wiens zumindest grob in drei zeitliche Horizonte einteilen: in Ablagerungen, die aus dem Mittelalter stammen, in jene aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und in jene aus der Nachkriegszeit bis heute. „Phasenweise wird die anthropogene Decke vielleicht nur einen Meter dick sein. Dort, wo es römische Siedlungen gab, könnte sie drei bis vier Meter stark sein“, schätzt Wagreich. Die aktuelle Verteilung der anthropogenen Ablagerungen und ihre räumliche Ausbreitung über die Zeit sollen in 3D-Modellen visualisiert werden.

Mit an Bord des Projektteams ist auch Katrin Hornek von der Universität für Angewandte Kunst, die sich künstlerisch mit dem Einfluss des Menschen auf die Natur beschäftigt. Ihr Ziel ist es, im Rahmen des Projektes einen Essayfilm zu drehen, der Begriffe wie „künstlich“ und „natürlich“ vor dem Hintergrund der Anthropozän-Debatte hinterfragt.

Im Zeitalter des Anthropozäns

Das „Anthropozän“ als neues Erdzeitalter wird längst nicht mehr nur im Zirkel der GeologInnen debattiert. Für eine breitere Öffentlichkeit ist das Zeitalter, das im erdwissenschaftlichen Zusammenhang für die menschlichen Eingriffe in geologische Prozesse und Ablagerungen steht, auch schon angebrochen. Aus streng geologischer Sicht gibt es darüber aber noch keine Einigung. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Anthropozän“ der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS) prüfen nach wie vor, ob und wann eine Festlegung des Anthropozäns sinnvoll wäre.

Michael Wagreich ist Mitglied der Arbeitsgruppe: „Nach derzeitigem Stand spricht viel dafür, den Beginn des Anthropozäns an die Atombombenexplosion 1945 und die Atombombenversuche in den Folgejahren zu knüpfen.“ Dadurch seien artifizielle radioaktive Isotope in die Atmosphäre gelangt, die sich weltweit verbreitet haben. Die Kartierung der anthropogenen Ablagerungen Wiens könne, so Wagreich, Basisdaten zur Frage zu liefern, wann das Anthropozän beginnen sollte und wie es am besten definiert werden kann. So sollten sich etwa auch Plutoniumisotope als Marker für die Atombombenexplosionen im Untergrund Wiens festmachen lassen. [ly]

Wissenschaftlicher Kontakt: ao. Univ-Prof. Dr. Michael Wagreich


  • Info: Projekt „Die anthropozäne Welle“

Das Projekt „Die anthropozäne Welle“ unter Leitung des Sedimentologen Michael Wagreich und unter Mitarbeit von Kira Lappé vom Department für Geodynamik und Sedimentologie ist eines von sieben Projekten, die im Zuge der ersten Ausschreibung des WWTF im Bereich „Environmental Systems Research: Urban Environments“ 2017 genehmigt wurden. Das vierjährige Projekt startete am 1. Jänner 2018. Die Erstellung der 3D-Modelle der anthropogenen Ablagerungen Wiens erfolgt zudem über die finanzielle Unterstützung der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie und die erfolgreiche Beantragung eines „Emerging Field Grant“.

Verschiedene Boxen mit Bodenproben
Bohrkerne der anthropogenen Anschüttungen in Wien, U5-Trasse (Foto: M. Wagreich)
Bodenprofil
Bodenprofil, Steinergasse 17 (Foto: Stadtarchäologie Wien)
Grabungsprofil
Grabungsprofil, Steinergasse 17 (Foto: Stadtarchäologie Wien)
Grabung
Grabung, Rennweg 52 (Foto: Stadtarchäologie Wien)