Extremereignisse: "Nicht nur der Big Bang"

21.10.2019

Dieses Jahr wird als eines der wärmsten in die Messgeschichte Österreichs eingehen. Nicht nur in meteorologischer Hinsicht beobachten ForscherInnen zunehmend Extreme. Wir erfahren derzeit einen verstärkten globalen Wandel, sagt Geograph Thomas Glade von der Universität Wien. Zusammen mit Martin Mergili koordiniert er ExpertInnen, um den ersten Sachstandsbereicht über Extremereignisse alpiner Naturgefahren in Österreich zu erstellen.

Sie leiten das Projekt "ExtremA - Extremereignisse im alpinen Raum in Österreich". Was ist das Ziel?

Wir sehen, dass Großereignisse immer häufiger auftreten und dass sie unbekannte Ausmaße annehmen. Es geht dabei um verschiedene Prozesse wie etwa Starkniederschläge, Sturmschäden, Lawinen und gravitative Massenbewegungen. Großereignisse können aber auch mit Blick auf gesellschaftliche Auswirkungen extrem ausfallen, z.B. über zerstörte Infrastruktur und Häuser oder die konkrete Gefährdung von Personen.

Sie sprechen lieber von Großereignissen als von Extemereignissen?

Wir lesen in den Medien sehr häufig von "noch nie dagewesenen Verhältnissen", "einzigartigen Vorfällen" usw. – da kann ich immer nur sagen: Ja, in unserer Erfahrungswelt ist dies noch nie dagewesen. Im größeren Kontext gab es das aber bereits. Wir wissen bisher nicht genau, wie sich diese Großereignisse in Zeit und Raum verhalten.

  • ExtremA 2018 Abschluss-Symposium am 14. November 2019 im NHM Wien:
    Anlässlich des Symposiums präsentieren die ForscherInnen den ersten Sachstandsbericht zu Extremereignissen im alpinen Raum in Österreich. Neben der Charakterisierung von Großereignissen in verschiedenen Prozessbereichen streifen die AutorInnen auch gesellschaftsrelevante Aspekte von Extremereignissen. Die Initiative wird vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, Abteilung Wildbach- und Lawinenverbauung unterstützt; der Open Access-Bericht wird bei der Vienna University Press vertrieben. https://extrema.univie.ac.at/

Im Zentrum der gesellschaftlichen Wahrnehmung steht wohl nach wie vor der Klimawandel mit seinen Extremereignissen.

Extrem bezieht sich eben aber nicht nur auf das Klima. Ja, der Klimawandel ist unzweifelhaft da. Aber die Extreme gehen in verschiedene Richtungen. Zudem sind Extremereignisse nicht nur bildgewaltige Ereignisse, die mit einem großen Big Bang eintreten. Sie könne auch schleichend auftreten: hydrologische Veränderungen, eine veränderte Vegetation, modifizierte Landwirtschaftsbedingungen. Die Klimadebatte ist für mich nur ein Teil des Ganzen. Ich spreche lieber vom globalen Wandel.

Was verstehen Sie unter globalem Wandel?

Globaler Wandel beinhaltet z.B. auch Vegetationsveränderungen, die auch durch unsere Landnutzung gesteuert werden. Man schaue nur auf Brasilien und die Waldbrände zur Gewinnung landwirtschaftlicher Flächen, u.a. mit gigantischen Folgen für die Flusssysteme und die darin lebenden Fische, die aufgrund der zu hohen Sedimentfrachten nicht mehr überleben können. Globaler Wandel beinhaltet aber auch die Veränderung in gesellschaftlichen Systemen.

Das Klima spielt dort eine untergeordnete Rolle. Das vergisst man gerne. Aber zumindest zeigen die Klimadebatte und die Fridays for Future-Bewegung sehr deutlich, dass wir hier unseren Anteil haben. Wir können uns nicht länger nur als Opfer sehen. Jetzt haben wir die Chance, über unsere Zukunft zu entscheiden.

Bei welchen Prozessen ist das Verständnis von Extremereignissen denn bereits gut entwickelt?

Bei Temperaturen, Niederschlag, Überschwemmungen, gravitativen Massenbewegungen, Lawinen wie auch Gletscherprozessen haben wir schon ein sehr fortgeschrittenes Verständnis. Ich bin zudem sehr froh, dass das Auftauen von Permafrostböden in der Wahrnehmung der Gesellschaft angekommen ist. Denn Seilbahnbetreiber werden zunehmend Probleme mit ihren Fundamenten bekommen; Tunnelbauten werden über das Auftauen der Böden gefährdet.

Und wo mangelt es noch eher an Wissen?

Bei Niederwasser, aber auch bei der Bodenerosion gibt es noch viel Forschungsbedarf. Ein wichtiger Punkt sind aber auch die auftretenden Kaskadeneffekte, also Veränderungen, die auf Veränderungen des Systems erfolgen. Zu guter Letzt gibt es auch neue Prozesse.

Welche beispielsweise?

Rasante Sturzfluten, die von stationären Gewitterzellen, z.B. im Sommer, abstammen, hat man bisher nicht in dieser Form gekannt. Diese Starkregenereignisse gefährden auch schon Gemeinden, die in Hanglage sind: Sobald das Wasser am Berg auf eine Straße oder Kanalisation trifft, wird es in die Ortschaften umgelenkt, wo es dann zu Überschwemmungen kommt. Auch Wirbelstürme könnten künftig ein größeres Thema spielen.

Was kann die Gesellschaft angesichts dieser Gefahren aus der Forschung ableiten?

Es geht um die verbesserte Prozesskenntnis und u.a. um das Design von Schutzmaßnahmen. Wir sehen – auch durch den Klimawandel – sehr gut, was sich derzeit ändert: Extreme werden normaler, sie treten auch häufiger und kurzfristiger auf. Aufbauend auf diesen Beobachtungen addressieren wir in unserem Projekt auch ansatzweise, wie gut wir auf diese Extremereignisse vorbereitet sind: Wie vulnerabel ist unsere Gesellschaft? Unsere Architektur? Was sind ökonomische Dimensionen von Extremereignissen? Gibt es beim Katastrophenschutz ausreichene Strukturen?

Der Umgang mit Naturgefahren hat in Österreich eine lange Tradition. 

Wir müssen aber lernen, dass die technischen Maßnahmen immer wieder neu bewertet werden müssen. Natürlich ist das oft schwierig: Ich will mir ein Haus bauen, verlasse mich auf den Gefahrenzonenplan, und nach zehn Jahren ändert sich die Grundlage … Aber wir können nicht mehr länger nur aus Naturbeobachtungen einzelne Maßnahmen ableiten.

Wir greifen heute massiv in das System ein: über den Tourismus, Landnutzung, Aufforstung, Entwaldung, Drainagen. Wir müssen die Effekte stärker holistisch betrachten. Wir müssen uns Interaktionen im Sinne einer Umwelt - also im Sinne der Natur und dem gesellschaftlichen Agieren in Raum und Zeit - anschauen. Auch die Ministerien und Behörden sind gefordert, dieses Verständnis in bisherige Kontexte zu integrieren.

Das ist auch Ziel Ihres Lehrgangs für Risikoprävention und Katastrophenmanagement?

Im Rahmen des Lehrgangs kommen Personen aus der Praxis zusammen, im Alter zwischen 25 und 60 Jahren, der ÖAMTC-Hubschrauberpilot sitzt neben der Seelsorgerin, der Bundeswehrsoldat neben der Feuerwehrfrau, Vertreter von Landeswarnzentralen sind dabei etc. Alle bringen ihre eigenen Erfahrungen mit – und sie teilen die Erfahrung, dass es häufig in der Zusammenarbeit hakt. Wir reflektieren verschiedenen Zugänge aus wissenschaftlicher Sicht sowie aus Sicht der Anwender. Das fördert das gegenseitige Verständnis – auch darüber, wie man beim nächsten Extremereignis agieren kann.


Univ.-Prof. Dr. Thomas Glade ist Professor für Physikalische Geographie am Institut für Geographie und Regionalforschung und Vizedekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie. Mit seiner Arbeitsgruppe Geomorphologische Systeme und Risikoforschung (ENGAGE) konzentriert sich der Geograph auf geomorphologische Prozesse wie Hangrutschungen, Bodenerosion, den anthropogenen Impact auf natürliche Systeme etc. sowie Naturgefahren und ihre Risikobewertung. Er ist zudem wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrganges Risikoprävention und Katastrophenmanagement. https://geomorph.univie.ac.at/ & https://homepage.univie.ac.at/thomas.glade/


  • Oerisk.at - Risikoprävention und Katastrophenschutz: Die Universität Wien bietet seit 2015 einen postgradualen Universitätslehrgang in enger Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Krisen- und Katastrophenschutzmanagement (SKKM) des Bundesministerium für Inneres an. Einzelne Module können auch in Form von vier verschiedenen Zertifikatskursen absolviert werden.
Die ForscherInnen beobachten, dass Großereignisse immer häufiger auftreten - Mure in Afritz, Kärnten, August 2016 (© WLV).
Das Projekt ExtremA zeigt auch in Ansätzen auf, wie gut wir auf Extremereignisse vorbereitet sind - Hochwasser in Schärding, Oberösterreich, Juni 2013 (© Land OÖ/ Silber).
ExtremA 2018 hat es zum Ziel, den aktuellen Wissensstand zu Extremereignissen im alpinen Raum in Österreich zusammentragen.
Thomas Glade konzentriert sich mit seiner Arbeitsgruppe auf geomorphologische Prozesse wie Hangrutschungen und Bodenerosion in Kombination mit dem anthropogenen Einfluss auf natürliche Systeme und bearbeitet im Kontext der Risikoforschung die potenziellen Folgen mit den jeweiligen Wechselwirkungen (© Thomas Glade).