Greta Thunberg ist überall. Warum eigentlich?

21.10.2019

Die Geschichte von Greta Thunberg ist bekannt. Im August 2018 stand sie allein mit dem Schild "Skolstrejk för klimatet" vor dem Schwedischen Reichstag. Einige schwedische Medien berichteten darüber, die Geschichte verbreitete sich schnell, sie wurde in mehreren europäischen Ländern aufgegriffen, bald darauf in der ganzen Welt. Ein globale soziale Bewegung entstand, Fridays for Future. Weltweit hat sich seither die Debatte um Klimaschutz und Klimapolitik massiv verschoben, alle namhaften europäischen Parteien haben sich mittlerweile zu dem Thema positioniert und bei der letzten Nationalratswahl in Österreich erlebten die Grünen einen Zuwachs von 10 Prozent. Wie ist das möglich?

Von Jörg Matthes

Wie lässt sich also der weltweite Erfolg von Thunberg erklären? Die Argumente, die Thunberg vorbringt, sind im Grunde nicht neu. Durchstöbert man die öffentliche Debatte, so finden sich eine Reihe von plausiblen Antworten: Das Thema trifft den Puls der Zeit, die Argumente für einen verstärkten Klimaschutz sind erdrückend, Greta Thunberg wirkt authentisch und dadurch glaubwürdig, sie bildet einen Gegenpol zu der von älteren Männern dominierten Politik. Sie wird zudem als unabhängig wahrgenommen und bietet für viele junge Menschen ein perfekte Identifikationsfläche.

Hinzu kommt das Aktivierungspotenzial von sozialen Medien, die zunehmende Loslösung junger Menschen von institutioneller Politik und das Phänomen, dass einzelne Menschen mit Hilfe von sozialen Medien einen enormen Einfluss ausüben können.

Globale Celebrity

Dennoch sind es im Wesentlichen die Massenmedien, die Greta Thunberg groß gemacht haben. Ohne die permanente Berichterstattung über Greta Thunberg und die Fridays for Future Bewegung stünde sie nicht dort, wo sie heute steht. Ob gewollt oder nicht, sie ist eine globale Celebrity. Die Kommunikationswissenschaft kann erklären, warum das Thema in Windeseile von Journalisten auf der ganzen Welt aufgegriffen wurde.

Dies hat mit der sogenannten Medienlogik zu tun: Medien greifen aufgrund der ökonomischen Anreizstruktur und der damit verbundenen Kommerzialisierung insbesondere die Ereignisse und Nachrichten auf, die eine Maximierung des Publikums versprechen. Der Grund: Journalistinnen und Journalisten sehen sich mit einer knappen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums konfrontiert. Dies führt zu einer Dramatisierung, Personalisierung und Konfliktorientierung in der Berichterstattung. Strategische Kommunikatoren, insbesondere politische Akteure, versuchen daher immer mehr, diese Medienlogik zu bedienen und zu antizipieren. Sie tun dies, in dem sie genauso kommunizieren, wie es die Medienlogik verlangt. Dies führt zu Medienaufmerksamkeit.

Medienlogik: Personalisierung, ...

Greta Thunberg hat die Medienlogik vielleicht nicht antizipiert, sie entspricht dieser aber nahezu perfekt. Hierfür lassen sich mindestens drei Gründe ausmachen. Erstens greift das Prinzip der Personalisierung.

Ein kleines Mädchen mit einem Pappschild in den Händen ist interessanter für das breite Publikum als eine wissenschaftliche Studie zum Klimaschutz. Jeder kann die Geschichte verstehen, auch Menschen, die sich in erster Linie nicht für Klimathemen interessieren. Denn Positionen, die sich als persönliche Geschichte erzählen lassen, bekommen nach der Medienlogik mehr Raum als beispielsweise die Experten zum Thema Klimaforschung.

Emotionalisierung und ...

Zweitens greift das Prinzip der Emotionalisierung. Greta Thunberg sagte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos "I want you to panic". Es geht um Angst, aber auch um Wut. Angst vor der Klimakatastrophe, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Dies spiegelt sich auf den Plakaten der weltweiten Fridays for Future Bewegung: "Unser Haus brennt!" Thunberg spricht aus einer emotionalen Perspektive der Betroffenheit.

Eine emotionale Grundhaltung entspricht nicht nur der Kommunikationslogik von sozialen Medien, sondern sie ist auch naturgemäß authentisch. Hinzu kommt: Wenn Angst erzeugt wird, bringen Argumente zur Beruhigung oder Relativierung wenig, Angst ist gewissermaßen psychologisch ansteckend und damit ein perfektes Futter für die Medienlogik. Auch Wut führt nicht zum argumentativen Austausch, sondern zu einer Vereinfachung und Verengung der Debatte, wie wir aus der Kampagnenforschung wissen. Wut schürt das Handeln, Wut aktiviert und fördert den Protest.

Prinzip des Konfliktes

Schließlich gibt es noch ein drittes Prinzip. Das Prinzip des Konfliktes. Je extremer eine Position ist, desto mehr Konflikt wird sie erzeugen. Einfache Lösungen und Positionen sorgen daher für mehr Konflikt als relativierende "it depends" Haltungen. Das bedeutet: Setzt man auf Konflikt, so bringt das mehr massenmediale Aufmerksamkeit als der argumentative Austausch.

Donald Trump hat dieses einfache Prinzip in seinem Präsidentschaftswahlkampf nahezu perfektioniert. Je mehr er kritisiert, belächelt und attackiert wurde, desto mehr Aufmerksamkeit hat er erlangt. Die Medienlogik hat ihn mit zum Erfolg getragen.

(Kein) Weg für die Wissenschaft

Sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler es Greta Thunberg gleichtun? Sollten wir die Medienlogik adaptieren? Ich denke nicht. Denn die Kehrseite der Medaille ist: Es ist aus Sicht der Massenmedien interessanter zu berichten, wo Greta Thunberg ist, was sie macht und was sie sagt, anstatt die Debatte in ihrer Komplexität argumentativ aufzurollen. Es wird fast mehr über die Bewegung selbst berichtet, als über das tatsächliche Problem und die damit verbundenen Ursachen und Lösungen.

Die Aufgabe der Wissenschaft ist es jedoch, Ursachen zu ergründen und Lösungen anzubieten. Wissenschaft sollte die Medienlogik verstehen, kritisch reflektieren und sie darf sie sich auch zunutze machen, wenn es um Aufmerksamkeit für wissenschaftliche Befunde geht. Sie sollte sie aber nicht uneingeschränkt übernehmen.


Univ.-Prof. Dr. Jörg Matthes leitet das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

 

 

Jörg Matthes ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien (© BarbaraMair).