Klimawandel: "In der Arktis radikal spürbar"

01.10.2018

Der Kultur- und Sozialanthropologe Peter Schweitzer beobachtet seit vielen Jahren die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis – vor allem mit Blick auf die Infrastruktur in der Region sowie soziale Umwelten. Schließlich sei durch den Klimawandel in der Arktis auch die Infrastruktur bedroht.

„In der Arktis sind die Auswirkungen des Klimawandels verstärkt“, erklärt der Arktisexperte Peter Schweitzer vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien: „Zwar spricht man immer vom globalen Klimawandel, aber der drückt sich nicht überall auf der Welt gleich aus. Im Polarraum sind die Veränderungen ganz besonders radikal spürbar.“

Umwelt und gebaute Umwelt

Spürbar in zwei Richtungen, wie der Experte meint: Sie betreffen einerseits die natürliche Umwelt wie etwa veränderte Lebensräume für Tiere und Pflanzen oder das Auftauen des Permafrostbodens, wodurch der Klimawandel weiter beschleunigt werden könnte.

Andererseits sei aber auch die gebaute Umwelt betroffen: Häuser, die durch den auftauenden Permafrostboden absinken oder gar ins Meer stürzen, sind da plastische Beispiele. „Wer sich für Umwelt interessiert, sollte das nicht auf die natürliche Umwelt reduzieren: Genauso wichtig ist es, die gebaute Umwelt, die ‚built environment‘, in die Forschung mit einzubeziehen und sich anzusehen, wie dies die Menschen und auch die natürliche Umwelt beeinflusst.“

Genau auf dieses Zusammenwirken natürlicher, gebauter und sozialer Umwelt konzentrieren sich der Institutsleiter Peter Schweitzer und sein Team in mehreren Projekten. Seit November 2017 erforschen sie im Rahmen des Horizon2020-Projekts Nunataryuk – ein Kunstwort, das auf Inuit-Begriffen des westlichen Kanadas beruht und so viel wie „vom Land ins Meer“ bedeutet –, wie sich das Auftauen des Küsten- und Unterwasser-Permafrostbodens auf Mensch und Umwelt auswirkt. Von insgesamt 26 internationalen Partner-Institutionen werden dazu in Kanada, Spitzbergen (Svalbard), Grönland und Russland Feldforschungen durchgeführt. Schweitzers Team geht dabei der Frage nach, wie sich die arktische Bevölkerung an den Klimawandel anpasst oder dessen Folgen abgemildert werden können.

Infrastruktur und Permafrost

Infrastruktur ist in diesem Zusammenspiel ein wesentlicher Faktor. „Wer sich mit dem Auftauen des Permafrostes befasst, stößt auf das Thema Infrastruktur“, erklärt Schweizer, der vor seinem Ruf nach Wien rund 20 Jahre an der University of Alaska Fairbanks gearbeitet hat.

Die Infrastruktur ist maßgeblich für das Funktionieren von Gesellschaften verantwortlich: Straßen oder Bahnlinien ermöglichen Mobilität und den Transport von Gütern. Auch Wasserleitungen, Kanalisation und Strom sind in modernen Gesellschaften zentral.

„Durch den Klimawandel in der Arktis ist auch die Infrastruktur besonders bedroht“, so Schweitzer. Gleichzeitig beeinflusse die Infrastruktur auch die natürliche Umwelt: Straßen und Bahnlinien bilden Schneisen in Ökosystemen, ebenso können Kanalisation, Wasserleitungen oder Pipelines starke Umweltauswirkungen haben. „Jeder Bau von Infrastruktur hat ökologische Auswirkungen – und das gilt verstärkt für sehr fragile Ökosysteme wie das arktische.“

"Arktis ist nicht gleich Arktis"

Dabei sei jedoch "Arktis nicht gleich Arktis", so der Polarexperte: „Nach dem Ende des Kalten Krieges haben wir vor allem von den Gemeinsamkeiten des zirkumpolaren Nordens gesprochen, doch die nationalen und regionalen Unterschiede innerhalb der Arktis sind riesig und treten immer stärker zutage.“ So gebe es zum einen das stark besiedelte nördliche Europa mit einer gut ausgebauten Infrastruktur mit langer Geschichte; zum anderen das nördliche Kanada, in dem nur rund 100.000 Menschen leben.

„Und im Norden Russlands, der natürlich auch größer ist, wohnen wiederum Millionen, es gibt große Städte wie Murmansk und Industriegebiete wie Norilsk – und entsprechend viel Infrastruktur“, erklärt Schweitzer. Gleichzeitig gebe es – anders als in Kanada, wo große Gebiete unter indigener Kontrolle stehen – in Russland wenig Mitsprachemöglichkeit für die Bevölkerung: „Historisch gesehen haben wir in Russland eine staatlich gelenkte Industrialisierung, die zunächst brutal von oben exekutiert wurde – Stichwort Zwangsarbeit –, aber auch später nicht von einer demokratischen Diskussion begleitet wurde.“

Diese Zusammenhänge erforscht Peter Schweitzer auch im Zuge des Projektes CoRe (Configurations of Remoteness) anhand der Baikal-Amur-Bahnlinie in Ostsibirien. „Für den Bau in den 1970er- und 1980er-Jahre wurden Menschen mit wirtschaftlichen Anreizen – unter anderem wurde ihnen ein Auto versprochen – und über Mobilisierung der sowjetischen Ideologie rekrutiert.“ Heute sei in diesem Raum diese mittlerweile vergangene Ideologie noch lebendiger als anderswo: „Sowohl die Ideologie als auch die Bahnlinie bilden für viele Bewohnerinnen und Bewohner quasi eine Art Begründung, einen Sinn ihres Lebens“, erklärt Schweitzer.

„In der Arktis ist viel los“

Gerade die Infrastruktur im nördlichen Russland ist vom Klimawandel „extrem bedroht“, wie Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt haben, so Schweitzer. Doch trotz des Auftauens des Permafrostes wird nach wie vor viel gebaut: „In den letzten zehn bis 15 Jahren ist in der Arktis wieder viel los.“

Russland orientiert sich dabei verstärkt Richtung Osten – nach China, Japan, Korea –, und auch der Nördliche Seeweg als die kürzeste Meeresverbindung zwischen Ostasien und Europa wird zunehmend befahrbar. „Einerseits werden die Ressourcen des Nordens durch den Klimawandel und durch neue Technologien leichter zugänglich, andererseits geht es auch um die hohe geopolitische Bedeutung.“ Und nicht nur Russland, auch Norwegen und andere arktische Staaten lassen sich ihre Präsenz im hohen Norden viel kosten.

Arktische Infrastrukturen im Vergleich

Derzeit arbeitet Schweitzer an neuen Projektanträgen zu Infrastruktur in der Arktis. Auch hier will er die verschiedenen Räume einander gegenüberstellen und aufzeigen, wie gebaute Umwelt, Menschen und Natur zusammenwirken. „Diejenigen, die große Infrastrukturprojekte finanzieren und planen, sitzen heute in Moskau, Peking oder Washington. Bei ihren Plänen geht es um die wirtschaftliche Rentabilität, den Gütertransport bzw. geopolitische Überlegungen.“ Es gibt zwar vielerorts die gesetzliche Verpflichtung, Umweltfolgen (und manchmal auch soziale Auswirkungen) im Rahmen von „impact assessments“ im Voraus abzuschätzen, aber die realen ökologischen und sozialen Veränderungen sind meist erst viel später sichtbar.

„Uns interessiert vor allem, was die Menschen vor Ort dann mit diesen Infrastrukturen machen“, so Schweitzer: „Beispielsweise, ob sie wie geplant genutzt werden oder ob die Menschen den Rahmen, den die gebaute Umwelt quasi vorgibt, durch alternative Verwendungen sprengen." [hw]     

Ein Zug an der BAM (Baikal-Amur-Magistrale) im Bahnhof Tynda, der "Hauptstadt" des BAM-Gebietes im Oktober 2013. (Copyright: Peter Schweitzer)
Die Veränderungen durch den Klimawandel werden auch anhand der gebauten Umwelt sichtbar: Häuser wie dieses in der Siedlung Shishmaref in Nordwest-Alaska, die durch den auftauenden Permafrostboden absinken oder gar ins Meer stürzen, sind da plastische Beispiele. (Copyright: Peter Schweitzer)