Marine Biodiversität: Zwischen Macht und Wissenschaft

21.10.2019

Die Politikwissenschaftlerin Alice Vadrot erforscht internationale Verhandlungen zum Erhalt von biologischer Vielfalt. Am Beispiel eines neuen UN-Abkommens zum Schutz der Biodiversität in der Hochsee zeigt sie auf, wo Konflikte – insbesondere zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden – an bestimmten „Kristallisationspunkten“ sichtbar werden und wie Wissenschaft dies beeinflusst.

„Früher stellte man sich den Boden der Hochsee eher wie eine Wüste vor“, erzählt Alice Vadrot vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, „doch heute weiß man, dass es auch abseits der Küstengebiete eine sehr reiche Biodiversität gibt“. Doch wie schützen wir diese biologische Vielfalt? Wer leistet die notwendige Forschung? Und wem sollen zukünftig Daten gehören, die z.B. auf marinen genetischen Ressourcen beruhen und sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Pharmaindustrie von Interesse sind? Dies sind Kernfragen bei den derzeit laufenden Verhandlungen über ein neues UN-Abkommens für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der marinen Biodiversität in der Hochsee.

Von der Wissenschaft in den Verhandlungsraum und zurück

Für Alice Vadrot bilden diese wichtigen Fragen gleichzeitig auch den Startpunkt für ihr aktuelles Projekt Maripoldata, für das sie einen der renommierten Starting Grants des European Research Councils (ERC) erhielt: Sie erforscht mit ihrem Team die Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. „Wir sehen uns an, wie Wissenschaft in diese Verhandlungsräume Eingang findet und welche Rolle sie dort spielt, wie sie legitimiert wird, welche Konflikte sie erzeugt und wie diese bearbeitet werden“, erklärt Vadrot: „Und natürlich auch, wie WissenschafterInnen selbst als politische AkteurInnen auftreten – schließlich haben auch sie Interessen, die sie vertreten“, so die Politikwissenschafterin. Zusätzlich untersucht das Maripoldata-Team auch das Wissensfeld selbst, „welche Länder, welche Themen und welche wissenschaftlichen Gruppen die Publikationen zur marinen Biodiversität dominieren.“ Anhand von drei Beispielen – USA, EU sowie Brasilien – wird das Team zudem lokale Forschungs- und Dateninfrastruktur vor Ort beobachten.

  • Abkommen über marine Biodiversität: Seit August 2018 wird ein multilaterales Abkommen über den Schutz und die nachhaltige Nutzung der marinen Biodiversität in Gebieten, die jenseits der nationalen Rechtsprechung liegen (der sogenannte BBNJ-Prozess) im Rahmen von Regierungskonferenzen verhandelt. Dabei konzentrieren sich die Verhandlungen auf vier Säulen: (1) Einführung eines Systems für den Vorteilsausgleich bezüglich mariner genetischer Ressourcen, (2) Gebietsbezogene Maßnahmen einschließlich Meeresschutzgebiete, (3) Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen und (4) Kapazitätsaufbau und Transfer von Meerestechnologien.

In einem ersten Schritt konzentriert sich die Forschungsgruppe auf die laufenden Verhandlungen am Sitz der Vereinten Nationen in New York. Ziel der Verhandlungen ist, in vier Verhandlungsrunden – drei fanden bereits statt – einen Abkommenstext zu erarbeiten, der im Konsens verabschiedet werden muss und für die Vertragsparteien nach Ratifizierung rechtlich bindend wäre. „Wir nehmen an den Verhandlungsrunden teil und erfassen ethnographisch und mit Hilfe einer selbst entwickelten Untersuchungsmatrix, was dort passiert“, erklärt Alice Vadrot. Beispielsweise, wer sich in den strittigen Fragen wie positioniert, welche Staatengruppen sich zu Interessensgemeinschaften zusammenschließen und auf welches Wissen und welche Fakten sich einzelne Akteure stützen.

Erfasst wird dies einerseits im Plenum selbst, andererseits aber auch über Interviews und die Teilnahme an so genannten „Side events“, in denen WissenschaftlerInnen über ihre Arbeit informieren und somit wissenschaftliche Erkenntnisse in die Verhandlungen tragen: „Wir entwickeln eine Methode, um die Verteilung von Ressourcen innerhalb dieses sehr klar strukturierten Raumes zu erfassen und die Rolle von Wissen, Fakten und Daten zu analysieren“, sagt Vadrot, „es sind bestimmte Momente, quasi Kristallisationspunkte, die es uns ermöglichen, dieses Zusammenspiel zu entschlüsseln.“

Biodiversität als allgemeines Gut der Menschheit?

Hinter diesen Momenten liegen meist Konflikte – bei den laufenden Verhandlungen entzünden sich diese beispielsweise an der Frage, ob die Biodiversität der Hochsee „allgemeines Gut der Menschheit“ sei, wie dies vor allem Länder des globalen Süden fordern. Dies würde allerdings auch bedeuten, dass der Zugang zu marinen genetischen Ressourcen reguliert und entstehende Gewinne in irgendeiner Form geteilt werden müssten.

  • Hochsee & Biodiversität: Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) steht es den Staaten frei, die Gebiete außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit zu befahren und „die Freiheit der Hohen See“ zu genießen (UNCLOS Art 87). Die internationalen Gewässer der Hochsee beginnen dort, wo die nationalstaatlichen Zonen enden (meist 200 Seemeilen vor der Küste). Für diese Zone gibt es zwar Fischereiabkommen und einen allgemeinen Artikel in der Seerechtskonvention, wonach die Staaten dazu angehalten sind, die Verschmutzung der Meere in Grenzen zu halten – aber bisher keine verbindliche Richtlinie für den Schutz der Biodiversität in diesem Bereich.

 „Es gilt die Freiheit der Hohen See, auch für die Forschung – wer die Möglichkeit hat, kann der Hochsee Datenproben entnehmen“, erläutert die Politikwissenschafterin. Doch diese Möglichkeit haben eben nicht alle: „Nur eine Handvoll Staaten und große Unternehmen können sich diese sehr teure Forschung leisten. Die günstigen Forschungsschifffahrten kosten zwischen 15.000 und 20.000 Euro pro Tag.“

DNA per Wasserprobe

Hinzu kommt, dass es in den letzten Jahren einen großen Technologiesprung gab: Techniken wie die Umwelt-DNA-Analyse ermöglichen, dass man mit einer Wasserprobe große Mengen an DNA herausfiltert  und zur Entdeckung neuer Arten in der Hoch- und Tiefsee beiträgt. Die UNESCO schätzt, dass über 90 Prozent der Arten noch nicht klassifiziert sind. Die Kombination verschiedener Technologien und die Weiterentwicklung im Bereich Big Data erweckt die Erwartung, dass in Zukunft relativ rasch Datenlücken geschlossen werden können. Dies würde auch der Etablierung von Meeresschutzgebieten helfen, die auf entsprechende Daten über marine Ökosysteme angewiesen ist. „Doch der globale Süden ist von diesen Entwicklungen mehrheitlich komplett abgehängt“, so Vadrot. Diese Staaten fordern daher eine Ausgleichszahlung oder Beteiligung an dieser Forschung – sei es monetär oder über Kapazitätsaufbau beziehungsweise Technologietransfer. „Vor allem eine monetäre Beteiligung lehnt der globale Norden eher ab. Die Wissenschaft selbst befürchtet vor allem eine Bürokratisierung ihrer Forschung“, erklärt die Forscherin.

Machtgefälle und Einfluss

Die Ungleichverteilung von Ressourcen zeigt sich auch im Verhandlungsraum. Während etwa die USA oder die EU große Delegationen entsenden, in denen Vertreter verschiedener Ministerien mit entsprechender Expertise die einzelnen Pakete verhandeln, entsenden viele Staaten des globalen Südens oftmals nur eine Person aus der dortigen Botschaft oder permanenten Vertretung der UN, die dann häufig mit dem Thema wenig vertraut ist. „Daher bilden sich Verhandlungsgruppen, über die sich vor allem kleinere und ärmere Staaten vernetzen“, schildert Vadrot, und diese Gruppe wird häufig auch von WissenschafterInnen oder NGOs in „Side events“ angesprochen und informiert.

Andererseits gebe es auch Akteure wie die Schweiz, die alleine neun VertreterInnen mitbringt, inklusive eines Experten zum Patentrecht. Die Schweiz gehört zu jener Gruppe von Staaten, die das Interesse der Pharmaindustrie im Blick hat und auch daher dem Prinzip des allgemeinen Guts der Menschheit kritisch gegenüber steht. Vor der dritten Verhandlungsrunde im August 2019 verschwanden alle Hinweise auf die Biodiversität der Hochsee als „common heritage of mankind“ aus dem Entwurfstext , was von den Staaten des globalen Südens wiederum heftig kritisiert wurde.

Biokulturelle Diversität als Stolperstein

Auch in ihren früheren Arbeiten arbeitete Alice Vadrot anhand von strittigen Begriffen ihren Ansatz der „gewichteten Konzepte“ aus. So zeigte sie einer kürzlich veröffentlichten Publikation, wie der Begriff der „biokulturellen Diversität“ die Verhandlungen für das Bestäuber-Assessment des Weltbiodiversitätsrates IPBES fast zu Fall gebracht hätte. Der Begriff „biocultural diversity“ sollte aufzeigen, dass biologische und kulturelle Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind, „beispielsweise beim Maisanbau in Mexiko oder  bei der Almwirtschaft“, erklärt Vadrot. Damit wollte man – neben den eher technischen Kapiteln zu Pestiziden oder Landnutzung, in denen der ökonomische Wert der Biodiversität im Vordergrund stand – auch indigenem Wissen Raum geben.

„Der Begriff erschien relativ unwichtig“, erzählt die Politikwissenschafterin, „eigentlich hat bei den Verhandlungen in Kuala Lumpur jeder einen Konflikt im Kapitel zu Pestiziden erwartet!“ Doch dann protestierte die Chefverhandlerin der USA gegen die „biocultural diversity“, blockierte die Verhandlungen und setzte sich letztlich mit einer relativierenden Fußnote durch. „Vordergründig weil es keine wissenschaftliche Definition und Legitimation für den Begriff gebe, aber gleichzeitig wollte man verhindern, dass lokale indigene Gruppen in den USA über die Referenz zu einem solchen Dokument Rechte für sich einklagen können“, so Vadrot.

Wissenschaft ist frei?

An diesem Beispiel zeigt sich auch das Problem von Prozessen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik: Zwar verfassen WissenschafterInnen einen Bericht, dieser wird aber dann von den politisch Verantwortlichen Zeile für Zeile verabschiedet. „Dadurch wird Wissenschaft politisch legitimiert und international anerkannt, andererseits werden wissenschaftliche Inhalte verhandelt undin den Verhandlungen wissenschaftliche Inhalte natürlich auch verändert“, gibt Vadrot zu bedenken. Dennoch habe es der Weltbiodiversitätsrat IPBES wider Erwarten geschafft, sich als zentraler Wissensproduzent für Biodiversität zu etablieren, sagt Alice Vadrot. Und dies sei ein wichtiger Schritt, denn „dadurch erhält das drastische Artensterben, das lange Zeit viel zu wenig beachtet wurde, nun endlich auch die gebührende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit!“.

Über Alice Vadrot

  • Die Politikwissenschaftlerin Alice Vadrot ist als Tochter einer Österreicherin und eines Franzosen in Deutschland geboren und hat in Wien und Paris studiert. Sie promovierte an der Universität Wien mit einer Arbeit über die Etablierung des Weltbiodiversitätsrats, einer zwischenstaatlichen UN-Organisation zur wissenschaftlichen Politikberatung im Bereich des Umwelt- und Artenschutzes. Vadrot war von 2015 bis 2018 Erwin Schrödinger Stipendiatin des FWF. Seit 2015 ist sie Visiting Research Fellow am Centre for Science and Policy an der University of Cambridge und seit 2019 Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW.
© Pixabay/Joakant CC
Entgegen früherer Vorstellungen gibt es auch in der Hochsee - abseits der Küstengebiete - eine sehr reiche Biodiversität, über wir jedoch noch viel zu wenig wissen. Im Rahmen eines Abkommens wird derzeit verhandelt, wie man diese Vielfalt schützen könnte, wer die notwendige Forschung leistet und wer davon profitiert. © Pixabay/Joakant CC
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Die Politikwissenschafterin Alice Vadrot erforscht bei den Verhandlungen zu diesem Abkommen mit ihrem Team die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Für das Projekt „The Politics of Marine Biodiversity Data: Global and National Policies and Practices of Monitoring the Oceans“ erhielt sie 2018 einen mit rund 1,5 Millionen Euro dotierten ERC Starting Grant. © Universität Wien
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Für die Hochsee - sie umfasst marine Gebiete außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit - gilt die Freiheit der Hohen See, auch für die Forschung: Wer die Möglichkeit hat, kann der Hochsee Datenproben entnehmen. Doch diese Möglichkeit haben eben nicht alle: „Nur eine Handvoll Staaten und große Unternehmen können sich diese sehr teure Forschung leisten. Die günstigen Forschungsschifffahrten kosten zwischen 15.000 und 20.000 Euro pro Tag", erklärt Alice Vadrot. © Pixabay/Andreas Schau CC
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Das Projektteam von Maripoldata nimmt an den Verhandlungen teil und erfasst im Plenum ethnographisch und mit Hilfe einer selbst entwickelten Untersuchungsmatrix, wer sich in den strittigen Fragen wie positioniert und auf welches Wissen und welche Fakten sich einzelne Akteure stützen. © Photo by IISD/ENB | Francis Dejon
© Earth Negoziation Bulletin (ENB)
„Wir entwickeln eine Methode, um die Verteilung von Ressourcen innerhalb dieses sehr klar strukturierten Raumes zu erfassen und die Rolle von Wissen, Fakten und Daten zu analysieren“, , erklärt Alice Vadrot (rechts im Rahmen einer Verhandlungsrunde in New York), „es sind bestimmte Momente, quasi Kristallisationspunkte, die es uns ermöglichen, dieses Zusammenspiel zu entschlüsseln.“ © Earth Negoziation Bulletin (ENB)
Im Rahmen Projekts „The Politics of Marine Biodiversity Data: Global and National Policies and Practices of Monitoring the Oceans“ (MARIPOLDATA) werden Verhandlungen über ein Abkommen zum Schutz der Hohen See dahingehend erforscht, wie Macht und Wissenschaft in der internationalen Umweltpolitik zusammenspielen. Ziel ist es, einen neuen multiskalaren und interdisziplinären Ansatz zu entwickeln, um die (geo-)politische Rolle globaler und nationaler Forschungs- und Dateninfrastrukturen und das Ineinanderwirken von Wissenschaft und Politik im Zeitalter der Digitalisierung neu denken zu können. (www.maripoldata.eu)