Mensch, Natur und Macht im Osmanischen Reich

19.06.2019

Welchen Anteil hatten Wetter und Klima am Scheitern der osmanischen Belagerung Wiens oder an den Celali-Aufständen in Anatolien? Welche Rolle spielten Tiere im Osmanischen Reich? Wie hat sich die Beziehung zur Natur durch Modernisierung und Nationalismus verändert? Um diese Fragen zu beantworten, lesen die Turkologen Yavuz Köse und Onur İnal am Institut für Orientalistik der Universität Wien klassische osmanisch-türkische Quellen "gegen ihren Strich".

Wenn in der Schule die Belagerungen Wiens durch das osmanische Heer durchgenommen wird, dann geht es um Feldherren, um die Stärke der Heere, um Bündnisse zwischen Herrschern und Befestigungsanlagen. Wie stark jedoch die Umwelt über Sieg oder Niederlage entscheidet, wird meist vergessen. "Dabei spielte die Witterung bei der osmanischen Belagerung Wiens 1529 und später 1683 eine große Rolle – beispielsweise in Bezug auf den Nachschub", sagt Yavuz Köse vom Institut für Orientalistik. Schließlich war die Organisation einer 1.500 Kilometer langen Versorgungslinie eine stark wetterbedingte Höchstleistung.

"Kriegszüge an Saat und Ernte gekoppelt"

Das Herbstwetter war aber nicht der einzige Grund dafür, dass Kriege im Osmanischen Reich für gewöhnlich maximal bis September dauerten: "Die Osmanen organisierten Zeit nach den Jahreszeiten, auch die Kriegszüge waren immer an Saat und Ernte gekoppelt", erklärt der Turkologe.

Bei Kriegszügen bis Oktober, wie dies 1529 der Fall war, sank die Motivation drastisch durch die nass-kalten Bedingungen, aber auch weil die Bodennutzung militärisch geprägt war: Die Provinzreiter (sipahi), bis ins späte 16. Jahrhundert bildeten sie die Mehrheit des osmanischen Heeres, erhielten ihre Entlohnung in Form von ihnen zugewiesenen Pfründen (timar). "Sie hatten daher ein vitales Interesse daran, nicht allzu lang ihren Pfründen fern zu sein", so Köse.

"Quellen gegen den Strich lesen"

Fragen wie diese werden seit März 2019 von Umwelthistorikern am Institut für Orientalistik in den Blick genommen. "Als Umwelthistoriker arbeiten wir häufig mit den gleichen Quellen wie in der Turkologie üblich – aber lesen sie quasi gegen den Strich", erklärt Köse. Der neu berufene Professor für Turkologie arbeitet gemeinsam mit dem Postdoc-Forscher Onur İnal daran, einen Schwerpunkt für Umweltgeschichte zu etablieren.

"Konflikte, Aufstände und Unruhen werden häufig lediglich aus historischer Sicht betrachtet – also fokussiert auf den Menschen –, sie haben aber oft auch einen Umweltaspekt", erklärt der Historiker Onur İnal.

Ein Beispiel dafür sei die Frage, ob die Celali-Aufstände im 16. und 17. Jahrhundert in Anatolien eine Folge der so genannten Kleinen Eiszeit ab dem 15. Jahrhundert waren, durch die ganze Ernten ausfielen. Oder ob etwa der Wassermangel eigentliche Ursache des aktuellen Syrienkriegs gewesen sei. In beiden Fälle gelte wohl: sicher nicht die einzige Ursache, aber bei einigen Celali-Aufständen wohl ein begünstigender Faktor, erläutert Köse.

Verflechtungen zwischen Mensch und Natur

Eine Ursache sei in der Geschichtsforschung ohnehin selten auszumachen – und umso weniger in der Umweltgeschichte: "Wir nehmen die Verflechtungen zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Tier in den Blick", sagt İnal, "wir fragen danach, welche Tiere, Pflanzen oder auch Bakterien eine aktive Rolle gespielt haben." Neben den klassischen Quellen werden dafür auch neue ausgewertet – Chroniken über Ernteerträge, Rodungen, Waldbestand beispielsweise. Oder Parlamentsprotokolle zur Frage, ob der Reisanbau forciert werden sollte – was dann aufgrund der Malariagefahr nicht der Fall war, wie dies ein Kapitel des neu erschienenen Sammelbands "Seeds of Power: Explorations in Ottoman Environmental History" zeigt.

  • Im April 2019 erschien der von Onur İnal und Yavuz Köse herausgegebene Sammelband Seeds of Power: Explorations in Ottoman Environmental History, White Horse Press. In zahlreichen Beiträgen werden unterschiedliche Epochen des Osmanischen Reichs bzw. der Türkischen Republik umwelthistorisch untersucht – von den Folgen der Kleinen Eiszeit über Wassermanagement, Mosquitos und den Reisanbau bis hin zu Landwirtschaft und Obstbau sowie Waldmanagement. 

"Viel mehr Tiere als in Europa"

Auch Reiseberichte seien eine wichtige Quelle. Beispielsweise wenn es darum geht, das Verhältnis von Mensch und Tier zu betrachten, so İnal: "In vielen Reisebeschreibungen wird beschrieben, dass es im osmanischen Raum viel mehr Arbeitstiere eingesetzt als im europäischen." Zum Teil lag dies daran, dass Arbeitstiere viel günstiger waren in Europa – es wurden daher eher Pferde, Maulesel und Esel eingesetzt als Wasser- und Windmühlen gebaut, meint İnal.

Rolle des Islam

Manche AutorInnen sehen für das Osmanische Reich vor dem 19. Jahrhundert generell eine stärkere Nähe zwischen Mensch und Natur als dies in Europa der Fall war. Argumentiert werde dies häufig aus den religiösen Schriften heraus, die den Menschen als Teil des Kosmos sehen – dieser sei daher dazu angehalten, ressourcenschonend zu handeln, um die von Gott geschaffene Natur zu schützen.

So pauschal lassen die Umwelthistoriker dies allerdings nicht gelten: "Ich sehe diese Auslegungen eher als Rückprojektionen aus heutiger islamischer Sicht", sagt Köse. In der Umweltgeschichte selbst werde jedenfalls nicht religiös argumentiert, sondern aus den Quellen heraus erforscht, wie sich das Verhältnis von Mensch und Natur dann in der Realität gestaltet hat, wie also "Machtstrukturen, Mensch und Natur zusammenspielen".

Diesbezüglich hätte es im Osmanischen Reich durchaus auch bestimmte Strukturen gegeben, die ressourcenschonend und nachhaltig gewirkt hätten – ein Beispiel sei das System der Waqf, der islamischen Stiftungen. Da das Land fast ausschließlich in Staatsbesitz war und nicht weitervererbt werden konnte, stellten diese Stiftungen eine der wenigen Möglichkeiten dar, Besitz an künftige Generationen weiterzugeben. "Es musste jedoch immer einen gemeinnützigen Zweck geben – sei es eine Armenküche, die Erhaltung von Moscheen oder auch die Wasserversorgung", erklärt Köse.

Dieses System erhielt sich teilweise über Jahrhunderte. Im 19. Jahrhundert wurden die Stiftungen dann jedoch unter staatliche Kontrolle gesetzt – "es wurde zentralisiert und zunehmend privatisiert", sagt İnal. Die Privatisierungen wurden jedoch bereits aus der Not heraus durchgeführt: Ab 1875 war der osmanische Staat praktisch pleite.

Modernisierung und "nation building"

Im Zuge der Modernisierung im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Natur schließlich – wie in Europa auch – zunehmend beherrscht, kontrolliert und ausgebeutet: In der Türkischen Republik ab den 1920er-Jahren standen Infrastrukturprojekte im Vordergrund; es wurden Staudämme, Eisenbahnlinien, Hafen und Fabriken gebaut, die Umwelt im Sinne des Aufbaus der Nation teils nachhaltig zerstört.

Leider bestätigt sich immer wieder, dass die Mächtigen aus der Geschichte in der Regel wenig lernen

Was könne man aus dieser Geschichte für die Zukunft lernen? "Leider bestätigt sich immer wieder, dass die Mächtigen aus der Geschichte in der Regel wenig lernen – aktuelle umstrittene Staudammprojekte wie Hasankeyf sind Beispiele dafür", sagt Köse.

Dieses Projekt, für das 55.000 Menschen umgesiedelt werden müssen und antike Bauten geflutet werden, zeige, wie unsensibel Natur, aber auch die Bevölkerung behandelt werde. Eine letzte Klage gegen das Projekt wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgewiesen, im Juni 2019 wird bereits mit der Aufstauung begonnen, bis Ende 2019 wird das Tal vollständig geflutet sein.

Auf der anderen Seite hätte sich gerade auch rund um Umweltfragen Widerstand artikuliert – beispielsweise die Gezi-Proteste des Jahres 2013. Und auch dafür gab es bereits geschichtliche Vorläufer im Osmanischen Reich, "allerdings im lokalen Rahmen", so İnal.

"Touristischer Raum immer auch Umweltraum"

In Bezug auf Frage, wie sich durch die Modernisierung das Naturbild geändert hat, planen die Umwelthistoriker am Institut für Orientalistik ein Forschungsprojekt mit Tourismus-Bezug: Über Reisebeschreibungen und alte Reiseführer könne man rekonstruieren, wie damals Natur gesehen wurde und was als "sehenswert" galt – einerseits für EuropäerInnen, andererseits aus osmanischer Sicht.

"Wir wollen in einer Langzeitstudie untersuchen, ob es Unterschiede darin gab, wie osmanische Reisende und solche aus Europa die Natur in den Blick nehmen", sagt Köse, denn: "Der touristische Raum ist immer auch ein Umweltraum." (hw)


Univ.-Prof. Dr. Yavuz Köse, seit Jänner 2019 Professor für Turkologie an der Universität Wien, möchte einen Schwerpunkt für Umweltgeschichte am Institut für Orientalistik etablieren.Onur İnal, PhD promovierte in den USA und forschte anschließend an der Universität Hamburg, bevor er nach Wien wechselte.


  • Andreas Tietze Memorial Fellowship in Turkish Studies: Die Turkologie am Institut für Orientalistik schrieb das Andreas Tietze Memorial Fellowship in Turkish Studies aus, mit dem NachwuchswissenschafterInnen aus den Bereichen Umweltgeschichte, Tourismusgeschichte, Konsumgeschichte und Kulturerbe gefördert werden sollen. Der Namensgeber Andreas Tietze (1914 - 2003) zählt zu den bedeutendsten Turkologen des 20. Jahrhunderts, dessen Arbeiten bis heute international hohe Wertschätzung genießen. Andreas Tietze wanderte 1937 in die Türkei aus, um der drohenden rassistischen Verfolgung zu entgehen. Bevor er 1973 die Professur für Turkologie an der Universität Wien übernahm, lehrte er zwischen 1960 und 1971 als Professor an der UCLA in Los Angeles.
Um die Umweltgeschichte des Osmanischen Reichs bis hin zur türkischen Gegenwart zu erarbeiten, analysieren Forscher am Institut für Orientalistik der Universität Wien turkologisch-osmanische Quellen nach dem Verhältnis von Mensch, Umwelt und Macht. (Foto Library of Congress Prints and Photographs Division Washington)
"Leider bestätigt sich immer wieder, dass die Mächtigen aus der Geschichte in der Regel wenig lernen", sagt Yavuz Köse vom Institut für Orientalistik. Aktuelle umstrittene Staudammprojekte wie Hasankeyf (im Bild) sind Beispiele dafür. Copyright: Omer Unlu / Flickr.com: CC BY 2.0, Ausschnitt).
Yavuz Köse ist seit Jänner 2019 als Professor für Turkologie an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien tätig. „Als Umwelthistoriker arbeiten wir häufig mit den gleichen Quellen wie in der Turkologie üblich – aber lesen sie quasi gegen den Strich“, erklärt Köse.
Onur İnal (im Bild) arbeitet mit Yavuz Köse am Aufbau eines Schwerpunktes Umweltgeschichte am Institut für Orientalistik.
Im April 2019 erschien der von Onur İnal und Yavuz Köse herausgegebene Sammelband Seeds of Power: Explorations in Ottoman Environmental History. (Copyright Foto White Horse Press / Library of Congress Prints and Photographs Division Washington)
Workshop Middle Eastern Animals - Interdisciplinary Perspectives from Early Modern to Contemporary Times
Von 27. bis 28. Juni 2019 veranstaltet das Institut für Orientalistik den Workshop „Middle Eastern Animals - Interdisciplinary Perspectives from Early Modern to Contemporary Times”, um die Vielfalt der Tiere in der Region und ihre Rolle in der Geschichte des Nahen Ostens zu untersuchen.