Nachhaltige Entwicklung: „Die Städte sind ein wichtiger Hebel“

14.03.2019

Städte sind Wachstumspole – in puncto Bevölkerung, Wirtschaft, aber auch beim Ressourcenverbrauch. Umso wichtiger ist Forschung dazu, wie Städte nachhaltiger gestaltet werden können. Die neue Forschungsstrategie der europäischen Partnerschaft "JPI Urban Europe" hat nun vier "urbane Dilemmas" als mögliche Ansatzpunkte identifiziert, berichtet die Stadtgeographin Yvonne Franz von der Universität Wien.

Weltweit lebt heute mehr als die Hälfte der Menschen in Städten, 2050 sollen es rund 70 Prozent sein. Die Städte spielen eine Hauptrolle auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, sagt die Stadtgeographin Yvonne Franz: "Städte sind Wachstumspole, und zwar nicht nur in Bezug auf die Bevölkerung, sondern auch in Bezug auf Wirtschaft und Ressourcenverbrauch", so die Wissenschafterin am Institut für Geographie und Regionalforschung. Wenn man nicht bei den Städten ansetzt, "geht ein ganz wichtiger Hebel verloren."

Gegenüber den ländlichen Räumen punkten Städte zwar im Bereich Flächenverbrauch und bei der individuellen Mobilität, so Franz. Doch viele BewohnerInnen benötigen auch viel: Schon derzeit werden rund 75 Prozent der natürlichen Ressourcen  in Städten verbraucht: "Wir müssen also Wege finden, wie wir effizienter im Ressourcenverbrauch werden – sei es im Bereich Energie, beim Konsum, bei der Mobilität."

Hin zur Smart City?

Über das Wie gibt es allerdings auch in der Forschung unterschiedliche Ansätze: "Beispielsweise sehen wir den Smart Cities-Diskurs in der Stadtforschung auch kritisch", erklärt Franz. Die Smart City, so die Vision, soll durch technologische Lösungen effizienter sein und dadurch weniger Energie verbrauchen, weniger Flächen verbauen oder die Mobilität verbessern.

  • In einer Smart City werden moderne Technologien aus den Bereichen Energie, Mobilität, Stadtplanung, Verwaltung und Kommunikation miteinander vernetzt, um Energie zu sparen und gleichzeitig die Lebensqualität für die BewohnerInnen zu erhöhen. KritikerInnen argumentieren, dass damit kein generelles Umdenken stattfindet, die Gesellschaft immer stärker von Technologie – und damit einzelnen Unternehmen – abhängig ist und der gläserne Bürger zur Realität wird.

"Damit wurde auch der Nachhaltigkeitsdebatte ein neuer Twist gegeben – in Richtung mehr Effizienz durch Technologisierung", so die Geographin. Man müsse hinterfragen, inwieweit es hier nicht eher um Unternehmensinteressen gehe: "Schließlich geht es um den Verkauf von Technologien – und somit lässt man Wirtschaftsakteure auch mitbestimmen, wohin die Reise in die Zukunft geht".

Ein wichtiger Punkt, den man dabei immer mitbedenken müsse, sei die gesellschaftliche Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. "Nachhaltigkeit sollte nämlich nicht nur rein ökologisch gedacht werden, sondern auch ökonomisch und sozial", erklärt Franz.

  • Nachhaltigkeit: Aufbauend auf dem Brundtland-Bericht von 1987 ist eine Entwicklung dann nachhaltig, wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation genügt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, deren eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Im Drei-Säulen-Modell wird zwischen der ökonomischen, der ökologischen und der sozialen Nachhaltigkeit unterschieden.

Wege zu mehr Nachhaltigkeit

Auf europäischer Ebene werden – auch vor dem Hintergrund der beschlossenen "Urban Agenda for the European Union" – intensiv Wege untersucht, die europäischen Städte nachhaltiger zu gestalten: Auf einer Konferenz der Joint Programming Initiative (JPI) Urban Europe im Februar 2019, an der auch Yvonne Franz teilgenommen hat, wurde dazu gerade eine neue Forschungsstrategie vorgestellt. Sie nimmt insbesondere die so genannten "urbanen Dilemmas" in den Blick.

"In dem Moment, wo Komplexitäten zunehmen und auch mehrere Interessensgruppen involviert sind, hat man nicht nur eine Möglichkeit, sondern mehrere, die jeweils Vor- und Nachteile haben", so die Geographin. Es gebe somit nicht die eine beste Lösung, man müsse vielmehr abwägen.

In Bezug auf die nachhaltige Stadt der Zukunft wurden vier urbane Dilemmas ausgemacht: digitaler Wandel, städtische Infrastruktur und nachhaltige Landnutzung, inklusive öffentliche Räume sowie die urbane Robustheit. Letztere kennzeichnet die Widerstandskraft gegen verschiedene Einflüsse, "also wie gut man sich wappnet, um auch bei Veränderungen als System stabil zu bleiben", so Franz.

  • 2011 wurde die Joint Programming Initiative (JPI) Urban Europe gegründet, die eine Strategic Research and Innovation Agenda (SRIA) initiierte, um das Wissen über den Wandel hin zu nachhaltigen, lebenswerten und widerstandsfähigen urbanen Entwicklung zu erhöhen. Am 12. Februar wurde die neu überarbeitete Forschungsstrategie vorgestellt. Sie nimmt vier urbane Dilemmas in den Blick: 1) Digitaler Wandel, (2) Urbane Robustheit, (3) Urbane Infrastruktur, (4) Inklusive öffentliche Räume. In Webinars wurden die vier Dilemmas am Beispiel verschiedener Städte von ForscherInnen, darunter auch Yvonne Franz, diskutiert.

In Europa leben bereits jetzt drei Viertel der Bevölkerung  in Städten – allerdings in höchst unterschiedlichen: "Die europäische Stadtlandschaft ist sehr differenziert – das reicht von der südlich gelegenen Millionenstadt bis hin zur Kleinstadt in Norwegen, in der darüber diskutiert wird, wie nachhaltige Mobilität aussieht, wenn man die Hälfte des Jahres Schneefahrbahnen hat", erzählt die Stadtforscherin.

Warentransport hat enormen Impact

Mobilität sei jedoch in den meisten Städten einer der zentralen Hebel für Nachhaltigkeit, insbesondere der Gütertransport: "Der Speditionsbereich, der Transport unserer Waren von A nach B und mittlerweile auch C, D, E und F, hat einen enormen Impact."

Doch die Umgestaltungsprozesse seien schwierig – und auch zu jedem einzelnen Konsumenten verlinkt, Stichwort Online-Handel: "Unsere Pakete und vor allem die Rücksendungen müssen ja bewegt werden, die Verpackung entsorgt – da stehen wir durch Amazon und Co gerade vor einer großen Herausforderung", betont Franz. Hier könne man als Individuum auch sein eigenes Konsumverhalten hinterfragen.

Auch durch den Klimawandel ergeben sich neue Herausforderungen für Städte: "Gerade in Großstädten sind lokale Hitzeinseln ein Problem, vor allem für ältere Menschen oder kleine Kinder – das haben wir ja auch im letzten Sommer in Wien erlebt", so die Wissenschafterin. Dem versucht man in der Stadtplanung mit mehr Bäumen oder begrünten Fassaden entgegenzuwirken.

Noch nie so spannend wie heute

Yvonne Franz selbst forscht einerseits zu Stadtveränderungsprozessen, andererseits aber auch zu öffentlichen und gesellschaftlichen Räumen sowie zu Migration. Die zunehmende Vernetzung und Komplexität von Problemen sieht sie als Herausforderung: "Meiner Meinung nach war es noch nie so spannend wie heute, als Forscherin zu arbeiteten!"

Komplexere Themen würden auch einen interdisziplinären oder auch transdisziplinären Zugang benötigen: "Das heißt, ich als Geographin und Stadtforscherin habe meine wissenschaftliche Tiefe, sollte aber auch die Überlappungspunkte zur Raumplanung oder Architektur erkennen – das ist ganz schön herausfordernd." Wichtig sei es auch, die Ergebnisse unterschiedlich kommunizieren zu können: "In einem Journal Paper spreche ich anders als in einer Policy-Empfehlung an die Stadtverwaltung und nochmal anders in einem Workshop mit BewohnerInnen eines superdiversen Stadtteils."

4Cities und Brücken

Disziplinäre und geographische Hürden überbrückt die Geographin auch im Erasmus Mundus Joint Masterstudium Urban Studies (4Cities): Die Studierenden leben und studieren dabei in zwei Jahren in vier Städten – Brüssel, Wien, Kopenhagen und Madrid – und lernen die jeweiligen Probleme und Lösungen kennen. "Wir laden ExpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen ein. Auch Exkursionen – hinausgehen, Dinge ansehen, kritisch reflektieren und bewerten – sind ein wichtiges Element", erzählt Franz.

Mit den künftigen StadtforscherInnen wird auch die aktuelle Forschungsstrategie der EU diskutiert: "Das klingt jetzt vielleicht ein wenig ungewöhnlich – aber diese Generation ist mindestens zehn Jahre jünger als ich und diese Diskussionen sind für mich auch sehr aufschlussreich", so Franz. Beispielsweise sieht sie bei den Studierenden und Jugendlichen eine weniger positive Einstellung, dass wir den Klimawandel noch in den Griff bekommen: "Die sehen sehr viel realistischer, dass es nicht fünf vor, sondern vermutlich eher zwei nach zwölf ist." (hw)


Die Stadtgeographin Yvonne Franz forscht in mehreren nordamerikanischen und europäischen Städten. Seit 2017 ist sie als Postdoc-Mitarbeiterin am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien angestellt, wo sie neben Forschung und Lehre auch den Erasmus Mundus Master in Urban Studies 4Cities koordiniert.

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Immer mehr Menschen leben in Städten und verbrauchen immer mehr Ressourcen. © Pixabay Creative Commons / Jucat
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"Wenn man nicht bei den Städten ansetzt, geht ein wichtiger Hebel verloren", sagt die Stadtforscherin Yvonne Franz. © Universität Wien
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Der Diskurs zu Smart Cities trifft auch auf Kritik. © Flickr Cha Cha Wei Creative Commons / www.flickr.com
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Mobilität ist in den meisten Städten einer der zentralen Hebel für Nachhaltigkeit. © Pixabay Creative Commons / Pexels
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Studierende und Jugendliche blicken realistischer auf Problem Klimawandel. © Pixabay Creative Commons / Aquilasol
Im Sommersemester 2019 findet am Institut für Soziologie der Universität Wien die "Univie Urban Book Series" statt, bei der aktuelle Publikationen und Themen diskutiert werden.