Warum wir (noch) mehr Grundlagenforschung zum Klimawandel benötigen

01.10.2018

Gibt es den menschengemachten Klimawandel wirklich? Diese Frage ist mein nahezu täglicher Begleiter. In der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, im Taxi oder beim Zeitungsinterview – alle, mit denen ich ins Gespräch komme, wollen das früher oder später wissen. Sie wollen den Klimawandel von einem „Experten“ bestätigt haben. Und ja, natürlich gibt es ihn – und er ist auch zu einem überwiegenden Teil von Menschen verursacht. Das ist nicht nur in der Wissenschaft unumstritten, sondern mittlerweile auch in der Gesellschaft weitgehend akzeptiert. Gleichzeitig zeigen die Fragen, mit denen ich konfrontiert werde, deutlich, wie geschickt verschiedene Interessensgruppen immer noch Zweifel sähen.

Von Andreas Richter

Da der Klimawandel in Europa aber kaum mehr ernsthaft bezweifelt wird, hat sich der Fokus der Forschungsförderung in diesem Bereich in den letzten Jahren deutlich verschoben: von der Grundlagenforschung, die sich mit der Erforschung des Wandels und seinen Folgen beschäftigt, hin zu angewandten Themen, insbesondere der gesellschaftlichen Adaptierung und Transformation. Das ist sowohl auf europäischer Ebene wie auch auf nationaler Ebene deutlich zu erkennen.

Solch eine Verschiebung ist grundsätzlich verständlich, aber auch gefährlich. Strategien zur Anpassung einer Gesellschaft an den Klimawandel zu erforschen, ohne über die Dimension des Klimawandels und potenzielle Rückkoppelungen Bescheid zu wissen, ist auch ziemlich sicher sinnlos.

Ein Beispiel: Ich arbeite seit Längerem in der Arktis, die besonders stark von der globalen Klimaerwärmung betroffen ist. Nun haben intensive Forschungen in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt, dass mehr als das Doppelte des derzeitigen CO2-Gehaltes der Atmosphäre in den gefrorenen Böden und Sedimenten der Arktis als organischer Kohlenstoff (Humus) gespeichert ist. Da sich der Permafrost weiter erwärmt und auftaut, steht dieser Kohlenstoff als potenzielle Quelle für den mikrobiellen Abbau zu CO2 zur Verfügung. Was das für eine Erhöhung des atmosphärischen CO2-Gehaltes und damit für eine mögliche Verstärkung der Erwärmung bedeuten könnte, kann man derzeit nur grob abschätzen. Uns fehlen noch immer zentrale Teile für ein umfassendes Verständnis.

Damit nicht genug: Der erhöhte CO2-Gehalt der Atmosphäre wird gemeinsam mit höheren Temperaturen auch zu einem verbesserten Pflanzenwachstum führen. Das bedeutet, das mehr Kohlenstoff in Form von Wurzelausscheidungen durch Pflanzen in den Boden kommt und Mikroorganismen zu noch höheren Abbauleistungen antreiben könnte.

Wir sind gerade dabei, die Dimension dieser Rückkoppelung in einem internationalen Team zu berechnen und zu modellieren. Was dabei herauskommt, war von uns unerwartet und ist schockierend. Wenn unsere ersten Modellergebnisse stimmen, reden wir hier über Rückkoppelungen in einer Dimension, die einen sofortigen Stopp aller menschlichen CO2-Emissionen erfordern würden, um die globale Erwärmung tatsächlich auf zwei Grad Celsius beschränken zu können.

Das Team, in dem wir diese Berechnungen gerade vorantreiben, besteht aus 20 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus neun Ländern und ist eine „Bottom-up“-Initiative. Keiner von uns hat also für diese Arbeiten – Grundlagenforschung mit einer offensichtlich starken gesellschaftlichen Relevanz – einen Auftrag oder direkt Forschungsfördergelder bekommen.

Das ist kein Einzelfall. Sehr oft kommen die wirklich neuen und relevanten Forschungsergebnisse nicht aus „verordneter“ Forschung, sondern aus genau solchen „Bottom-up“-Initiativen. Daher ist es meiner Ansicht nach notwendig, die Universitäten solide mit Geldmitteln auszustatten und Grundlagenforschung – auch solche, die risikoreich und neu ist – unvermindert und noch stärker zu fördern und nicht auf Kosten angewandter Forschung einzuschränken. Nur dann kann man garantieren, dass es auch in Zukunft Wissenschafterinnen und Wissenschafter gibt, die in Bereichen forschen werden, deren Notwendigkeit wir heute noch nicht einmal ansatzweise verstehen können. Das gilt auch im Bereich Klimawandel – und auch, wenn wir schon sicher wissen, dass Klimawandel stattfindet und vom Menschen verursacht wird.


Andreas Richter ist Professor für Ökologie an der Universität Wien, Leiter der Abteilung Terrestrische Ökosystemforschung und stellvertretender Leiter des Forschungsverbundes Chemistry meets Microbiology.


  • ZUM NACHLESEN: IPCC 2013: The Physical Science Basis enthält unter anderem die Statements “Warming of the climate system is unequivocal” und “It is extremely likely that human influence has been the dominant cause of the observed warming since the mid-20th century”.
Ökosystemforscher Andreas Richter, Beiratsmitglied des Forschungsverbundes Umwelt